Die Parallelgesellschaft


Immer weniger Juden in der Schweiz identifizieren sich mit religiösen Bestimmungen. Die meisten sind zwar gut integriert. Etwa 3000 Juden lehnen die moderne Welt jedoch ab. Sie leben hauptsächlich in Zürich. Quelle

Fällt der Begriff Parallelgesellschaft, ist das Adjektiv muslimisch nicht weit. Dabei geht gerne vergessen, dass christliche Subkulturen aus religiösen Gründen häufiger in Konflikt mit Behörden geraten. So ist beispielsweise die Zahl der Dispensgesuche von Zeugen Jehovas für Räbeliechtliumzüge höher als jene von Muslimen für den Schwimmunterricht. Auch unter den 18’000 in der Schweiz lebenden Juden existiert eine Parallelgesellschaft. Gemäss der Nationalfonds-Studie «Schweizer Judentum im Wandel» ist jeder sechste strenggläubig bis reaktionär. Gemeinsam mit rigiden Christen und Muslimen ist ihnen die Ablehnung der modernen Welt, welche sie als bedrohlich und dekadent wahrnehmen. In den Medien sind strenggläubige Schweizer Juden kaum präsent. Sie haben in den vergangenen Jahren Strukturen aufgebaut, die ein unbeachtetes Eigenleben ermöglichen. Fast alle ultraorthodoxen Juden sind in den Zürcher Vereinigungen Israelitische Religionsgesellschaft und Agudas Achim organisiert. Sie fallen im Stadtbild zwischen Bahnhof Wiedikon und Enge vor allem durch ihre äussere Erscheinung auf. Doch der Laie weiss nur sehr wenig über sie. Ultraorthodoxe Juden müssen sich streng an einen religiösen Gesetzeskanon halten, der ihnen unter anderem auferlegt, koschere Speisen zu essen und die Schabbatruhe einzuhalten. Dominant ist die Rolle des Rabbiners: Er berät die Gläubigen nicht nur in religiösen Fragen, sondern in der Lebensführung überhaupt. Falls ein Ultraorthodoxer beispielsweise im Zweifel darüber ist, ob sich das iPhone mit einer gottgefälligen Lebensweise vereinbaren lässt, fragt er den Rabbiner. Strenggläubige Juden schicken ihre Kinder nicht auf eine staatliche Schule, sondern in den Privatunterricht. Die Bildungskarriere endet nicht selten an einer Talmud-Hochschule in England. Allerdings bereitet sie die Schüler nur mangelhaft auf das Berufsleben vor – im Unterricht überwiegen religiöse Inhalte. Gemäss der Nationalfonds-Studie steigt die Zahl der von der Sozialhilfe abhängigen Ultraorthodoxen, weil diese keinen Beruf erlernt haben. Die Zahl dürfte jedoch nicht dramatisch wachsen: Das Solidarnetz der strenggläubigen Juden ist engmaschig, und so hilft man sich in Notlagen innerhalb der Gemeinschaft. Viele sind selbstständige Kaufleute, die ihresgleichen beschäftigen. Finanziert werden der Schulunterricht und die Unterstützung durch Beiträge der Gemeindemitglieder und durch reiche Mäzene. Konkrete Zahlen dazu fehlen in der Studie. Laut Daniel Gerson, dem Leiter der Studie, sind die ultraorthodoxen Juden kein politisches Problem für die Schweiz. Sie missionierten nicht. Ihre Haltung spiegle vor allem einen Konflikt innerhalb der Juden in der Schweiz: jenen zwischen Tradition und Moderne. Aufschlussreich zeigt dies die Studie in der Frauenfrage: Während für strenggläubige Juden die Frauen den Männern untergeordnet sind und deshalb beispielsweise im Gottesdienst getrennt sitzen, haben immer weniger traditionelle Juden damit ein Problem. Massgeblich zur Öffnung beigetragen hat die 2004 gegründete «Plattform der liberalen Juden in der Schweiz», die rund ein Fünftel der Gläubigen repräsentiert. Sie steht in der Tradition der innerjüdischen Reformbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg, welche unter anderen vom Berner Kaufhausbesitzer Victor Loeb finanziell stark unterstützt wurde. Loeb und seine Gleichgesinnten plädierten auf Vortragsreisen durch die Deutschschweiz für eine Besserstellung der Frauen sowie für Anpassungen der Religionspraxis an die veränderten Normen des gesellschaftlichen Lebens. Victor Loebs Wirken fiel in eine Zeit, in der die Juden nicht mehr in ihrer Existenz bedroht waren. Gleichzeitig profitierten sie wie die nicht jüdischen Schweizer von einer Zunahme an persönlichen Freiräumen. Das Universitätsstudium brachte eine steigende Zahl von Juden in Kontakt mit Andersgläubigen, was die bis dahin weitgehend geschlossene und traditionelle Gemeinschaft aufweichte. Gemäss der Nationalfonds-Studie kann heute nicht mehr von «dem Judentum» die Rede sein, besteht es doch aus verschiedenen Strömungen. Für Daniel Gerson ist der Umstand, dass die Ultraorthodoxen in einer Parallelwelt leben, ein Reflex auf die Öffnung und Integration der jüdischen Gemeinde in der Schweiz. Heute beträgt der Anteil von Juden und Jüdinnen, die Andersgläubige heiraten, 50 Prozent. Neu entstandene liberale Gemeinden kümmern sich um die religiöse Einbindung der nicht jüdischen Angehörigen, weil die Orthodoxen nur Kinder einer jüdischen Mutter als Juden gelten lassen.

Doch die Politiker möchten keine Islamische Parallelgesellschaft! Doch bei ihnen machen sie wie immer Ausnahmen?

2 Gedanken zu „Die Parallelgesellschaft

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