Ein böser Geist, der nicht vergeht


Eine Kaskade von Nazi-Vergleichen erschüttert Bundesbern. So absurd sie auch sein mögen, solche Aussagen gehören zu unserem Alltag. Ein historischer Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Quelle

In den Nuller- und Zehner-Jahren des 20. Jahrhunderts, als der junge Adolf Hitler ineinem Wiener Männerwohnheim hauste, irgendwo im Nirgendwo zwischen Kunstmalerei und Bierkeller-Politik, hätte wohl nicht einmal er selbst sich träumen lassen, welch eine Laufbahn als Kanzler des Deutschen Reiches und Weltenbrandstifter ihm noch bevorstand.Die geplanten 1000 Jahre sollte das von ihm begründete Reich zwar nicht Bestand haben, doch triumphiert Hitler bis heute über die Vergänglichkeit: Noch 69 Jahre nachdem er seinem Leben im Bunker ein Ende setzte, vergeht kein Tag, an dem der Führer nicht in den Medien präsent wäre. Nicht schlecht für einen Hanswurst, der in seinen Jugendjahren drauf und dran war, als gescheiterte Existenz zu enden: «Der böse Mann mit dem kleinen Bart ist noch gar nicht tot», sang Jan Delay nicht umsonst vor wenigen Jahren.

«Braune Tendenzen»?

Tatsächlich ist nicht zu erwarten, dass Hitlers Geist irgendwann das Zeitliche segnen wird. Dieser Tage gibt er im Berner Bundeshaus zu reden. Dies, nachdem BDP-Präsident Martin Landolt der SVP wegen deren Initiativ­plänen zum Asylrecht «braune Tendenzen» vorgeworfen hat.SVP-Chef Toni Brunner reagierte, indem er seinem Kontrahenten wenig später, bei den traditionellen Von-Wattenwyl-Gesprächen der wichtigsten Parteipräsidenten, den Handschlag verweigerte. «Einen Nazivergleich müssen wir uns nicht bieten lassen. Damit vergleicht Landolt die SVP mit Massenmördern», stellte Brunner historische Grundkenntnisse unter Beweis.

Levrat als Nachahmungstäter

Dessen ungeachtet doppelte SP-Präsident Christian Levrat einige Tage darauf nach: Man müsse «die Dinge beim Namen nennen», sagte er der «Sonntagszeitung» und tat, was er dafür hielt: Die SVP-Politik der letzten Monate weise «faschistoide Tendenzen» auf, behauptete Levrat. Dies erinnere ihn an die 30er-Jahre, bewies der SP-Politiker historisches Erinnerungsvermögen.Dass sich Brunner in beiden Fällen furchtbar aufregte, ist einerseits verständlich, kam andererseits aber auch sehr erwartbar daher. Man könnte sagen, dass beide Seiten ihre Rollen spielten, in einem wieder und wieder aufgeführten Stück, das stets derselben Dramaturgie folgt: Auf einen dummen Vergleich folgt empörtes Gekeife.Dabei könnte man mit Nazi-Vergleichen durchaus gelassen umgehen, etwa so, wie es der amerikanische Jurist Mike Godwin tut, der den rhetorischen Griff zu Hitler, Goebbels und Göring für eine Art Naturgesetz hält, das ebenso sicher und unvermeidlich eintrifft wie 1938 der Deutsche Gruss auf dem Nürnberger Reichsparteitag.«Godwins Gesetz», 1990 formuliert im Hinblick auf Debatten im Internet-­Vorläufer Usenet, lautet wie folgt: «Mit zunehmender Länge einer Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.» Dabei hat sich die Beschimpfung in den meisten Fällen von historischen Tatsachen und Figuren längst gelöst: «Hitler», «Goebbels» oder «Nazi» sind zu Invektiven geworden, die ähnlich bedenkenlos verwendet werden wie «Arschloch» oder «Idiot».Weltmarktführer auf dem Gebiet des Nazi-Vergleichs ist – aus naheliegenden Gründen – Deutschland. Wahrscheinlich ist dies die dunkle Kehrseite der vorbildlichen und akribischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg betrieben hat.Als eigentlicher Champion der Disziplin hat sich dabei ausgerechnet ein Historiker erwiesen, einer also, der es besser wissen sollte: der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl. Lang ist die Chronik kohlscher Ausfälligkeiten mit Nazi-Bezug: Ausgerechnet den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow, mit dem er sich später bestens verstehen sollte, rückte der Christdemokrat im Oktober 1986 in die Nähe von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels: «Er ist ein moderner kommunistischer Führer, der (…) versteht was von PR. Der Goebbels verstand auch was von PR», so Kohl gegenüber dem US-Magazin «Newsweek».Im Juni 2000 wiederum verglich der Ex-Kanzler Boykottaufrufe der SPD, die diese wegen eines Parteispendenskandals gegen seine CDU erhoben hatte, mit dem Boykott jüdischer Geschäfte während der Nazizeit. Endlich und schliesslich, im August 2002, sagte Kohl über den damaligen Bundestagspräsidenten, den Sozialdemokraten Wolfgang Thierse, dieser sei der schlimmste Parlamentspräsident seit Nazi-Reichstagspräsident Hermann Göring.Eine Domäne der CDU ist die Faschismuskeule freilich nicht: Ein Nazi-Vergleichs-Duell mit einer Zeitverzögerung von mehreren Jahrzehnten lieferten sich im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert zwei SPD-Politiker: Im Sommer 1982 hielt Oskar Lafontaine, damals Oberbürgermeister von Saarbrücken, dem amtierenden Bundeskanzler Helmut Schmidt das Festhalten an «Sekundärtugenden» vor, mit denen man «auch ein KZ betreiben» könne.Das längst nicht mehr erwartete Revanchefoul des Altkanzlers erfolgte 26 Jahre später, im September 2008: «Auch Adolf Nazi war ein charismatischer Redner. Oskar Lafontaine ist es auch», so Schmidt in einem Interview über seinen Kontrahenten, der mittlerweile zur Linkspartei gewechselt war.Dass Nazi-Vergleiche Politiker­karrieren nicht nur beenden, sondern auch machen können, zeigte sich 2003: «In Italien wird gerade ein Film über die Nazi-Konzentrationslager gedreht. Ich schlage Sie für die Rolle des Lagerchefs vor. Sie wären perfekt», sagte seinerzeit der damalige italienische Premierminister Silvio Berlusconi im Strassburger EU-Parlament zum SPD-Abgeordneten Martin Schulz. Dieser schäumte, zeterte und lief rot an – und wurde auf einen Schlag vom weithin unbekannten früheren Kleinstadtbürgermeister zur nationalen Grösse.Den womöglich infantilsten Nazi-Bezug aller Zeiten stellten während der vergangenen Fussball-WM Mitarbeiter von 1Live her, einem gebührenfinanzierten deutschen Dudelsender. «Nati raus» titelten sie nach dem Aus des Schweizer Teams sehr zum gespielten Ärger des «Blicks» auf ihrer Homepage. Dem heiligen Gregor von Nazianz würden die deutschen Scherzbolde vermutlich statt eines Kreuzes ein Hakenkreuz um den Hals hängen – wenn der kleinasiatische Kirchenvater ihnen und ihren Hörern denn bekannt wäre.Mag solches manchem noch amüsant erscheinen, so nimmt das Motiv des Nazi-Vergleichs seine widerwärtigste Form oft dann an, wenn es um Israel geht: Die ebenso dumme wie unanständige Behauptung, was «die Juden» im Nahen Osten mit den Palästinensern machten, sei doch dasselbe, was früher die Nazis mit den Juden getan hätten, hört man in Deutschland von jedem zweiten Hausmeister. Anderen reicht in diesem Zusammenhang der Vergleich nicht mehr. Dann muss die Steigerung her: Israel sei «barbarischer als Hitler», hetzte der damalige türkische Premier und heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan im Juli.So weit, dass Politiker ihre Kontrahenten schlimmer als die Nazis nennen, ist es in Bern noch nicht. So gesehen ist alles noch im normalen Bereich, denn Nazi-Vergleiche kommen und gehen. Sie gehören zu unserem Alltag.

Wen auch der vergleich nicht stimmt, das ist auch Meinungsfreiheit

Ein Gedanke zu „Ein böser Geist, der nicht vergeht

  1. Von Spinatbueb https://spinatbueb.wordpress.com/
    Ich musste mal einen Lehrling ausbilden und ich schickte ihn immer zum Gipfeli-Holen. Da sagte er zu mir, ich sei ein Nazi. Ich bin natürlich voll drauf eingegangen und habe mitgespielt und einmal sogar eine braune Jacke angezogen. Aber eigentlich nervt es mich tierisch, dass gewisse Leute immer gleich mit der Faschismuskeule kommen.

    @ Spinatbueb
    Doch wieso Meinte er das? Was gab im den Grund dazu? Für die einen eine Beleidigung für die Anderen eine Anerkennung
    Admin

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