Migranten regen sich über Idioten-Deutsch auf


Schweizer wechseln oft in ein gebrochenes Deutsch, wenn sie mit Fremdsprachigen sprechen. Bei Migranten kommt das schlecht an. Quelle

Die Szene spielte sich kürzlich in einem Postauto in Schaffhausen ab. Richtung Dörflingen wolle er fahren, sagte der arabisch aussehende Fahrgast in korrektem Deutsch, aber mit ausländischem Akzent. Darauf antwortete der Schweizer Chauffeur: «Du haben Halbtax?» Auch manche Bauarbeiter sprechen, als hätte Google-Translate ihre Sätze ausgespuckt. «Du holen Hammer», sagt der Schweizer dann zum portugiesischen Kollegen. Und ein Italiener bekommt bei einem Fehler vom Polier jeweils zu hören: «Du Doktor gehen jetzt. Ohren nicht gut, hä?»Fast schon legendär für den Gebrauch des sogenannten Idioten-Deutschs ist TV-Koch Daniel Bumann. Spricht er mit ausländischen Wirten oder Angestellten Klartext, rutscht er häufig sofort ins gebrochene Deutsch ab. «Sugo gleich isch!», sagte er etwa zu Wirtin Lucia im Restaurant Pizzeria da Franco, als er die mangelnde Vielfalt ihrer Sugos kritisierte. Um das Restaurant wieder auf Vordermann zu bringen, riet er ihr: «Wenn hast du kleinere Karte, kannst du das noch perfekter machen.» Und bei Wirt Franco fragte er nach: «Bist du einverstanden Karte kleiner?»

Migranten fühlen sich ausgeschlossen

Manche Schweizer ertappen sich auch im Alltag beim Deutsch-Radebrechen. «Ich frage meine Putzfrau zum Beispiel: ‹Kannst du putzen hier?› oder ‹Kannst du putzen heute Fenster?›», gesteht ein Zürcher. Er rede mit ihr so, weil sie ihn sonst nicht verstehe. Ein Thurgauer erinnert sich, im Job in der Gastronomie regelmässig ins Idioten-Deutsch gerutscht zu sein. «Ich sagte dem Kollegen aus dem Balkan etwa: ‹Du putze, ich schneide Tomate›, erzählt er. Das einfache Deutsch sei oft besser verstanden worden. «Viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund tun sich sehr schwer mit deklinierten und konjugierten Formen.» Wären sie in normalem Hochdeutsch angewiesen worden, hätte er sich viel öfter wiederholen müssen.Bei Migranten kommt die Ausdrucksweise schlecht an. Migranten, oft auch Secondos, erlebten solche Situationen im Alltag häufig, sagt Mustafa Atici, Präsident der SP MigrantInnen. «Viele Migranten fühlen sich beleidigt, wenn Schweizer im Gespräch mit ihnen ins Idioten-Deutsch wechseln.» Besonders erniedrigend sei dies, wenn sie ihre Worte dazu mit übertriebener Gestik und Mimik unterstrichen und immer lauter würden. «Mit dieser Sprache wird vermittelt, dass man nicht dazugehört», sagt Atici, der ursprünglich aus der Türkei stammt. So gäben sie auch gut integrierten Ausländern die Gelegenheit, sich in der Opferrolle zu fühlen.

Branchenvertreter verteidigen den Jargon. «Wir stellen fest, dass auf den Baustellen meistens eine einfache und klare, aber auch kollegiale und respektvolle Umgangsform vorherrscht», schreibt Bernhard Salzmann, Vizedirektor des Schweizerischen Baumeisterverbands. Gefragt seien nicht akademische Standards, sondern eine zielführende Verständigung. TV-Koch Daniel Bumann sagt: «Ich nenne das Küchensprache, denn in einer Küche werden immer nur kurze, klare und stichwortartige Ansagen gemacht.» Es bleibe schlichtweg keine Zeit, viel mehr zu erläutern, da der Gast auf sein Essen warte. «Und leider ist es oftmals auch für einen Schweizer nicht einfach, meinen Walliserdialekt zu verstehen. Ich bemühe mich aber immer sehr, dass mich alle verstehen können.»Postauto distanziert sich vom Idioten-Deutsch. Laut Sprecherin Katharina Merkle sprechen die Chauffeure die Fahrgäste ausser in sehr touristischen Regionen in ortsüblicher Sprache an. Stelle der Chauffeur Verständnisprobleme fest, versuche er, sich immer verständlich auszudrücken. «Falls ein rudimentäres Deutsch der beste Weg ist, ist das auch okay, aber natürlich nicht von vornherein.» Merkle hält fest, dass Freundlichkeit und Respekt im Fahrdienst das A und O seien. «Das Duzen unbekannter Erwachsener ist tabu.»

Immer nur Schweizer deutsch!!!!